Bericht zur Situation von 1945, den uns Rowitha Oschmann für unser Virtuelles Brückenhofmuseum zur Verfügung gestellt hat. Er wurde im GA-Bonn am 23.3.2015 veröffentlicht unter dem Titel
Nach dem Verhör wurde Leo Tendler Bürgermeister
OBERDOLLENDORF. Heute vor 70 Jahren waren dann auch die letzten Ortschaften des Siebengebirges befreit. Die Amerikaner nahmen an diesem 21. März 1945 auch Eisbach, Pleiserhohn, Uthweiler, Frohnhardt und Sassenberg ein. Im Rheintal hatte Pantaleon „Leo“ Tendler da schon wieder ganz andere Sorgen. Der von den Nazis 1935 abgesetzte Dorfschulze von Oberdollendorf musste sich um Bevölkerung und Wünsche der Besatzungsarmee gleichermaßen kümmern. Er war nämlich der neue Bürgermeister – und blieb es übrigens bis 1961.
Noch am letzten Tag war sein Haus durch eine 24er Granate getroffen worden. An der Ecke des Gebäudes hatten die deutschen Soldaten eine Panzersperre gebaut, die beschossen wurde. Glück im Unglück: Die Familie war zusammen mit einigen Nachbarn nach dem Mittagessen gerade wieder in den Keller gegangen, als der ganze hintere Hausteil auf die Falltür stürzte. Soldaten, die die Sperre bewachten, Nachbarn und auch zwei holländische Eheleute, die als Zwangsarbeiter im Didierwerk arbeiteten, halfen, die Verschütteten aus der misslichen Lage zu befreien.
Tendlers Tochter Elisabeth Tillmann erinnerte sich in dem Büchlein „Erinnerungen an eine verworrene Zeit“ des Heimatvereins an diesen 18. März: „Um 15.30 Uhr waren die Amerikaner da. Zu unserem großen Entsetzen wurde einer der Bewachungssoldaten, Unteroffizier Pink, vor unserem Haus erschossen.“ Gerade er hatte die Trümmer mit weggeräumt. „Es hat uns allen furchtbar wehgetan.“
Gegen Abend saß Familie Tendler im Keller der Nachbarn, „als plötzlich drei oder vier riesige GI’s erschienen und unseren Vater mitnahmen. Wir waren alle sehr erschrocken und wussten nicht, was dies bedeuten sollte“. Voller Angst warteten die Angehörigen. Stunden später wurde Leo Tendler wieder nach Hause gebracht. Die Amerikaner hatten ihn zum Bürgermeister bestimmt.
Leumund für den damals 64-jährigen Zentrumsmann, waren Pfarrer Polster und Dorfarzt Euteneuer – und Martha Steeg. Sie war mit ihrem Sohn Günther aus ihrem Versteck in der Nähe der Longenburg wieder nach Hause gekommen. Wilma Groyen hatte ihre Freundin, die jüdischer Abstammung war, die letzten Kriegsmonate in ihrem Keller unter Gefahr für das eigene Leben versteckt. In dem Hause Steeg hatte sich inzwischen die amerikanische Kommandantur einquartiert. Günther Steeg schrieb für die Veröffentlichung des Heimatvereins: „Der Kommandeur, Major William Staats, wusste bereits von unseren Verfolgungen im Dritten Reich.“ Er ließ dann auch sofort das Haus räumen. Mit ihren Aussagen bestätigte Martha Steeg nicht nur die Angaben Leo Tendlers aus dem strengen Verhör, sondern sie rettete damals auch noch das Leben von Polizeimeister Hubertus Müller. Der Dorfpolizist hatte sie nämlich vor einer Verhaftung gewarnt und zur Flucht geraten, was sie nicht tat. Nun saß er im Keller und sollte eigentlich erschossen werden, was Martha Steeg aber nicht ahnte.
Leo Tendler hatte in seiner neuen Funktion die Anordnungen der Besatzungsmacht zu befolgen und gleichzeitig die Bedürfnisse der notleidenden Bevölkerung zu erfüllen. Die Amerikaner hatten auch solche Wünsche wie ein Haus oder 100 Radios. Woher nehmen? Der Kommandant sagte dann rigoros: „Sie haben doch viele Nazis im Dorf, nehmen Sie es von denen!“
Ansonsten soll das Verhältnis zu dem Kommandanten nicht schlecht gewesen sein. Tendlers Tochter: „Vater sagte immer, dass man mit ihm reden könnte und manches abwehren und abmildern konnte.“ Major Staats erzählte Leo Tendler auch, dass das Gebiet sehr viel Glück gehabt hätte, denn bei der Militärbehörde habe schon der Befehl vorgelegen, mit Bombenteppichen das ganze Gebiet zu zerstören, um die Leute mürbe zu machen. Leo Tendler verstarb 1975. Ihren standhaften Bürgermeister, der viel für den Ort getan hatte, ehrten die Oberdollendorfer mit der 1975 errichteten Leo-Tendler-Anlage.
Kasten:
„Gerechte unter den Völkern“
Martha Steegs Mann, der sich nicht hatte scheiden lassen, musste deshalb nach der Verhaftung seiner Frau im September 1944 den Gau Köln-Aachen verlassen, schmuggelte seine Frau aus einem Arbeitslager bei Kassel auf abenteuerlichen Wegen zur Longenburg. Sohn Günther, der vor kurzem 85 Jahre alt wurde, hatte die Gestapo zwar mit seiner Mutter in ein Barackenlager nach Köln-Müngersdorf gebracht; er durfte jedoch 14 Tage später wieder nach Hause, weil er noch keine 16 Jahre alt war. Die letzten Wochen ging er in das Versteck seiner Mutter. Im April kam sein Vater auf dem Fahrrad ins Rheinland zurück. Die Familie war wieder vereint. Wilma Groyen wurde übrigens 2008 posthum für ihre Heldentat als „Gerechte unter den Völkern“ von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geehrt.
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